Ivo Kummer zu "In mare di notte"
Im Folgenden die schöne Rede von Ivo Kummer-ehemaliger Leiter der Solothurner Filmtage und bis vor kurzem Film-Chef des Bundesamts der Kultur-zur Vernissage meiner Ausstellung "In mare di notte" im Künstlerhaus S11 in Solothurn.
Geschätzte Anwesende,
Lieber Clemens,
Als mich Franco Müller bat, heute Abend zu sprechen, habe ich mich gefreut und übermütig zugesagt. Gefreut, weil ich Clemens Klopfenstein sowie seine Filme seit Jahrzehnten kenne und zugesagt, weil ich in die Bilderwelt von Clemens eintauchen wollte.
In den vergangenen Tagen staunte ich selbst über meinen Übermut.
Ich erinnerte mich an ein Zitat von Goethe:
"Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen"
Nun stehe ich also hier und soll über das Unaussprechliche sprechen.
Ja - es ist buchstäblich ein Abtauchen in die Bilder von Clemens Klopfenstein. Unter den Meeresspiegel und wieder hinauf ans Tageslicht zu kommen.
Die Sedimente des Mittelmeeres, seit es befahren werden kann, sich mit Versunkenen mischen.
Die Krebse sich seit Jahrtausenden auch von Menschlichem ernähren.
An der Meerküste ein festliches Krebs Mahl einer wohlbetuchten Gesellschaft zu erahnen. Der erwartungsvolle und freudige Koch beim Topf mit den Krebsen.
Was farbenfroh und impulsiv gemalt jetzt an den Wänden hängt, entpuppt sich jedoch beim längeren Betrachten als Albtraum unserer heutigen Welt.
Der natürliche Kreislauf - vom Entstehen zum Vergehen - nimmt in seinen 12 Bildern groteske Formen an und ist in seiner Bitterkeit kein Hummerschlecken mehr.
Die Dramen auf offenem Meer. Flüchtende Menschen. Die Herausforderungen und das unwillentliche - manchmal auch willentliche - Unvermögen einer humanen Flüchtlings- und Asylpolitik. Sie begleiten unseren politischen und medialen Alltag. Bis hin zur Erschöpfung. Bis hin zur Abstumpfung.
In diesem Moment kommt der Klopfenstein. Er rüttelt uns wach, ja, er klopft an unser Gewissen, an unsere Verantwortung und spiegelt gleichzeitig unsere Hilflosigkeit. Denn was sich im Meer abspielt, und als Mutation auf dem Teller landet, sind Tragödien. Egal aus welchen Kulturen und gesellschaftlichen Hierarchien sie entstehen oder entstanden sind.
Das zeigt sich deutlich im Bild, das neben dem Eingang zu sehen ist. Es sind nicht mehr nur Schicksale von «Boat people», sondern auch Unglücksfälle einer vermögenden Gesellschaftsschicht, die nun als Futter auf dem Meeresgrund liegen und später auf dem Teller landen.
Das Meer. Der weite Blick. Die Sanftheit eines Sonnenunterganges. Wer kennt sie nicht, diese Sehnsuchtsmomente? Das Schöne bekommt etwas Hässliches.
Ist es Wut, die aus den Bildern von Clemens spricht? Enttäuschung? Fatalismus? Trotz - oder erst recht - wegen der farblichen Explosion seiner Malerei? Bilder, die immer wieder übermalt wurden. Tempel im Hinter- oder besser - im Untergrund schimmern durch. Zerrissene Klebebänder, die etwas zusammenhalten sollen, das nicht zueinander gehört? Bis hin zu einer Kontokarte einer inzwischen verschwundenen Schweizer Bank. Das Vergängliche festhalten, für einen Moment, um dann wieder der Gegenwart Platz zu machen?
Es ist sonderbar. Es fällt mir schwer, Worte über «In mare di notte» zu finden. Die Bilderwelt eines malenden Filmers. Statische und doch bewegte Bilder.
Leichter fiele es mir über sein filmisches Werk zu sprechen. Über den Kultfilm «Geschichte der Nacht». Über den Schnitt oder die Kameraarbeit im Film «Der Ruf der Sibylla». Über das Entsetzen eines Bundesrates vom Film «Das Schweigen der Männer», für den Clemens 1998 den 1. Schweizer Filmpreis erhielt.
Auch seinen Ärger über die Filmförderung des Bundes, sein vom Boulevardblatt «Blick» vor Jahren genüsslich aufgenommenes Statement: «die Solothurner Filmtage gehören abgeschafft» oder seinen Vorschlag, ab 50-jährig sollten die Schweizer Filmemacherinnen und -macher eine jährliche Rente bekommen, damit sie aufhören zu filmen.
Das sind Themen, die zu Klopfi - wie wir ihn in unseren Kreisen nennen - normalerweise gehören. Ein Meister aus Umbrien, der sich immer wieder bei uns einnistet und unsere Behaglichkeit irritiert und strapaziert.
Aber nein, es geht um diese Ausstellung. Um diese verstörenden Bilder. Die kleinen Details - jedes eine Geschichte für sich. Als Einheit umspannt es die Zeit des Anfangs und des Endes.
Eine filmische Erzählweise. Das Narrativ mag als Hilfsmittel dienen um bruchstückhaft Episoden, Einfälle und Zufälle zu verbinden. Wie bei seinen Filmen.
Improvisationen werden aneinandergereiht und beim Schnitt zu einer Geschichte verknüpft. Eine Perlenkette, die sich im Kopf des Zuschauenden zusammenfügt.
Trotz aller Tragik: «In mare di notte» gibt es diese leise Ironie, diese Doppeldeutigkeit, das Spiel mit Nuancen wie sie Clemens Klopfenstein perfektioniert.
In seiner Malerei, in seinen Filmen, in seiner Arbeit und in seinem ganzen Menschsein blitzt immer eine gewitzte Selbstironie auf.
Und die Frage bleibt bei mir hängen: meint er das so - oder tut er nur so?
Das ist auch tröstlich und gibt Mut, die farbigen und hellen Momente unseres Alltages zu geniessen.
Lieber Clemens, dazu gehört - aber nicht vor elf Uhr morgens (!) - ein Glas Weisswein!
Besten Dank.

